Der Walzer und die Literatur

Auch Literaten und Dichter ließen den Walzer in ihren Zeilen seine Wirkung entfalten.

Über das Auftreten des Walzers in Deutschland und die Art und Weise, wie es auf empfindsame Seelen wirkt, haben wir ein klassisches Zeugnis von Goethe.

Wir erfahren im Werther, welche Tänze (Menuett, Ecossaise, Kontertanz und als neueingeführter der "Deutsche", der damalige Walzer) auf dem ländlichen Ball getanzt wurden, wo die unglückliche Leidenschaft Werthers zum Ausbruch gelang.

Werther schrieb an seinen Freund:" Nun ging's und wir (Lotte und er) ergötzten uns eine Weile an den mannigfaltigen Schlingungen der Arme. Mit welchem Reize mit welcher Flüchtigkeit bewegte sie sich! Und da wir nur gar ans Walzen kamen und wie die Sphären umeinander herumrollten, ging's freilich anfangs, weil die wenigsten es können, ein bißchen bunt durcheinander. Wir waren klug und ließen sie austoben, und als die Ungeschicktesten den Plan geräumt hatten, fielen wir ein und hielten mit noch einem Paar….wacker aus. Nie ist mir's so leicht vom Flecke gegangen. Ich war kein Mensch mehr. Das liebenswürdigste Geschöpf in den Armen zu haben und mit ihr herumzufliegen wie Wetter, daß alles rings umher verging und - Wilhelm, um ehrlich zu sein, tat es aber doch den Schwur, daß ein Mädchen, das ich liebte, auf das ich Anspruch hätte, mir nie mit einem anderen walzen sollte als mit mir, und wenn ich damit zugrunde gehen müßte. Du verstehst mich!"


Von der Schönheit dieser Schilderung abgesehen, ist sie geschichtlich lehrreich. Der "Deutsche", der hier als Ausbund leidenschaftlicher Bewegung dargestellt wird, ist der bedächtigere Bruder des ungestümen Walzer. Daraus ist zurückzuschließen, wie langsam und sittig das Tanztempo war, gegen welches der Walzer als ein kühner Sprung erschien. Die Einführung des Walzers in Deutschland bezeichnet eine soziale Umwälzung. Sie fällt zusammen mit der Zeit des Sturmes und Dranges in unserer Literatur, als die Zöpfe aufgelöst, die Krawatten gelockert wurden, als Empfindung und Leidenschaft die unerträglich gewordenen Fesseln des Konventionellen zerbrach und abschüttelte. Das Volkslied kam zu neuer Blüte und in seinem Gefolge der Volkstanz, der Walzer.
Er brachte in das Miteinander der Geschlechter, in den Tanz eines umschlungenen Paares eine aufrichtige Sinnlichkeit, gegen welche das die Zopfzeit charakterisierende Rauben von Busenschleifen und Strumpfbändern eine gelüstige Roheit war.
Der Walzer setzte sich auch in Deutschland trotz Anfeindungen und Verboten, trotz Klerus und Moralisten durch.

Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen der Textauszüge und freuen uns über weitere literarische Zeilen, die dem Walzer Ausdruck verschaffen!