Walzer, Wien und die Welt
Wien hatte im 18. und 19. Jahrhundert eine besondere Anziehung auf die Künstler, vor allem aber auf die großen Schöpfer der Musik ausgeübt. Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert schufen in Wien große Werke. Und in Wien wurde auch die Glanzzeit des Walzers durch Joseph Lanner, Johann Strauss Vater und Johann Strauss Sohn zur Blüte gebracht.
Wien und der Dreivierteltakt, ja! Vier weitere Beispiele: Mozart von Salzburg nach Wien gekommen, schrieb hier zahlreiche Tänze, darunter "deutsche Tänze", wie damals die Walzer noch bezeichnet wurden. Joseph Haydn, der Urgroßvater des Walzers komponierte seinen "Deutschen Tanz", Beethoven schrieb einmal 33 Variationen zu einem Walzer des Komponisten und in Wien ansässigen Musikverlegers Diabelli mit dem Titel "Die 33 Veränderungen über einen Walzer von Diabelli", opus 120). Franz Schubert komponierte hier seine "Deutschen Tänze" op. 33.
Der Walzer hatte seine Vorläufer, die auf Festen unter freiem Himmel, wie auf bäuerlichen und dörflichen Festhäusern gedreht, gestampft, ja getanzt wurden. Der große Erfolg der Tänze im Dreivierteltakt, ja aller Walzerformen ließ auch die Walzerkompositionen in ihrer Anzahl wachsen. Der Walzer wurde in den Künsten allgegenwärtig.
Die Adelung des Walzer durch die Musik ermöglichte aber die Familie Strauss aus Wien. Der Walzer hatte zunächst Wien insbesondere durch Josepf Lanner, Johann Strauss Vater und später durch Johann Strauss Sohn musikalisch und tänzerisch fest im Griff. Tanzwut, Walzerrausch, Walzermanie sind Worte des Feuilleton der damaligen Zeit.
Dem Walzer haftete immer weniger Klassenbeschränktes oder Lokales an. So schreibt Ludwig Speidel, einer der Begründer des Wiener Feuilleton: "...Ja, der Tanz ist eine universale Macht, die sich an ihren Verächtern doppelt rächt, er ist eines jener Gesetze, die man, wie der Apostel sagt, in den Gliedern fühlt. Ihn ein flüchtiges Kind des Augenblicks nennen, heißt ihn mißdeuten, heißt die gelegentliche Ursache seines Daseins mit seinem Wesen und Ursprung verwechseln. Genau und mit dürren Worten zu sagen, was er ist, wird nie gelingen; er birgt ein tiefes Geheimnis in sich, das nur der Tanzende fühlt. Man kann wohl sagen, wir tanzen Weltgesetze, wir ahmen mit unseren Beinen den ewigen Rhythmus alles Geschehens nach, wir spielen mit jenen im Kosmos allverbreiteten Gegensätzen, die sich im Menschengeschlechte als Mann und Frau so reizend und verführerisch begegnen...Eigentlich wollte ich vom Walzer reden und noch eigentlicher vom Wiener Walzer... Wer heute mit einer schönen Frau im Arm sich nach den zwingenden Rhythmen eines Straußschen Walzers dreht, wird kaum daran denken, daß der Walzer sich einmal seine Existenz erkämpfen mußte. Wie sollte auch der Tänzer auf solche tanzgeschichtlichen Gedanken geraten, er, der glückliche Mann, mit dem Arm um die Hüfte der Schönen, mit dem Einblick in ihre Augen, auflebend im warmen Hauch ihres Atems und selig befangen in dem berauschenden Dufte holder Weiblichkeit? Er erschien den Zeitgenossen bei seiner Einführung als ein Frevel, als ein Eingriff in die Persönlichkeit des Weibes..."
Wien war Gastgeber des Kongresses, der am Ende der napoleonischen Herrschaft Europa im Jahre 1815 neu ordnete. Der Kongreß führte Herrscher und Staatsmänner mit ihrem Gefolge aus vielen europäischen Ländern nach Wien. Für die Gastgeber wurde dieser Besuch zu ungezählten Anlässen für rauschende Festlichkeiten, und die hochpolitische Zusammenkunft glich bald einem "tanzenden Kongreß". Ja der Kongreß tanzte. Im Mitteilpunkt der abendlichen Ballfeste stand der Walzer, der nun endgültig das Menuett verdrängte. Der befreiende Anlaß, die Musik, der Tanz und nicht zuletzt die Atmosphäre der Wienerstadt mag nicht wenig dazu beigetragen haben, dass die steife höfische Etikette etwas nachgiebiger wurde und sich dem wiegenden miteinander im Walzer ergab.
Der Graf August de la Garde berichtet vom Kongress: "Die Orchester beginnen Walzer zu spielen. Gleich schien sich ein elektrisches Fluidum der ganzen zahllosen Versammlung mitzuteilen. Besonders in Wien hat dieser Tanz, bei dem musikalischen Blut der Österreicher, all den Reiz bekommen, der ihm eigen ist; man muß es nur dort mit ansehen, wie der Herr seine Dame nach dem Takte stützt und hebt im wirbelnden Drehn und diese dem süßen Zauber sich hingibt und mit dem verschwimmenden Blick noch verführerischer wird. Man kann aber auch kaum die Macht begreifen, die der Walzer ausübt. Sobald die ersten Takte anheben, klären sich die Mienen, die Augen leuchten auf, und alle durchrieselt es. Die anmutigen Kreisel bilden sich, während die Zuschauer, die das Alter zur Untätigkeit verdammt, den Takt und den Rhythmus mit dem Fuße markieren, in Gedanken und in der Erinnerung noch in dem Vergnügen schwelgend, das ihnen versagt ist. Man mußte diese hinreißend schönen Frauen sehen, ganz in Blumen und Diamanten, durch die unwiderstehliche Musik fortgezogen, hingegossen in den Arm ihrer Tänzer; sehen wie die glänzende Seide, die leichte Gaze ihrer Kleidung jeder Bewegung folgte und lieblich wogende Wellenlinien zeichnete und zuletzt dann: diese ekstatische Wonne, die ihr reizendes Antlitz atmete, wenn die Ermüdung sie zwang, die himmlischen Regionen zu verlassen und von der Erde neue Kräfte zu fordern. Erst die Nacht endete diese Freuden und die Strahlen der aufgehenden Sonne erst schienen dieser so animierten, blendenden Gesellschaft ein Ziel setzen zu können." So begeistert waren die Gäste und wohl auch die Wiener selbst von dem Jubel um den Walzer.
Die "dumme Grazie" des Menuett (Prinz de Ligne) war beendet. Das "zum Sterben traurige" Menuett (General Zibin) vom Walzer verdrängt.
Die Walzerkomponisten des Kongresses hießen: J. N. Hummel, Klemp, Wilde, Umlaut und natürlich der Komponist, Tanzgeiger und Musikdirektor des Wiener Ballokals "Sperl" Michael Pamer. Er war der Ziehvater von Joseph Lanner und Johann Strauss Vater. Ja, das 19. Jahrhundert, ist das Jahrhundert Wiens und des Walzer. Joseph Lanner geb. am 12. April 1801. Johann Strauss Sohn, gestorben am 3. Juni 1899 markieren mit ihren Lebensdaten diese Epoche.
Lanner der seit seinem 12. Lebensjahr in der Tanzkapelle des Pamer spielte, beschloß 1918, im Jahre als C.M. von Weber, seine "Aufforderung zum Tanz" komponierte, die Gründung einer eigenen Kapelle in Wien. Bereits 1820 wurde Johann Strauss Mitglied der Kapelle. Sechs Jahre spielten "Flachskopf" und "Mohrenschädel", wie der Wiener Volksmund sie nannte zusammen.
1824 gründete Lanner ein 2. Orchester, ein Streichorchester, mit dem er erstmalig unter freiem Himmel, am Prater auftrat. Die Erfolge nahmen stetig zu. Aufträge und Einladungen folgten. Strauss übernahm die Leitung des 2. Orchester. Strauss kündigte am 1. September 1825 bei Lanner und gründete ein eigenes Orchester. Das Wiener Publikum schied sich fortan in zwei Lager, die aber beide dem selben Ziel dienten. Die Verschiedenartigkeit der Temperamente Joseph Lanners und Johann Strauss hat Johann Strauss Sohn einmal in bezug auf den musikalischen Ausdruck sehr schlicht aber treffend charakterisiert: bei Lanner heißt es "I bitt' Euch schön, geht's tanzen", bei Strauss Vater aber "Gehts tanzen, I will's!"
In der 2. Hälfte der zwanziger - fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts haben zur Faschingszeiten stets mehrere dutzend Tanzveranstaltungen in Wien stattgefunden und dies bei einer Einwohnerzahl von 300.000. Vom Bauern bis zur Boheme, vom Kellner bis zum Kaiser, alle tanzten Walzer.
Als der junge Richard Wagner im Jahre 1832 in Wien weilte und in den Sträußelsälen (jetzt Theater in der Josefstadt) Johann Strauss Vater sah und hörte, berichtete er darüber: "Unvergeßlich bleibt mir hierbei die für jede von Strauss vorgetragende Piece sich gleich willig erzeugende, an Raserei grenzende Begeisterung des wunderlichen Volkes. Dieser Dämon des wienerischen Volksgeistes erzitterte beim Beginn eines neuen Walzers wie eine Pythia auf dem Dreifuß und ein wahres Wonnegewieher des wirklich mehr von seiner Musik als von den genossenen Getränken berauschten Auditoriums trieb die Begeisterung des zauberischen Vorgeigers auf eine für mich fast beängstigende Höhe."
Aus der alten Gaststättenkultur Wiens erobert Strauß die ganze Stadt, auch mit selbst organisierten, selbst finanzierten illumierten Gartenfesten und Ballveranstaltungen, dann ab 1833 Prag, Dresden, Leipzig, Berlin, dann den Westen Deutschlands, Belgien, Holland. 1834 wird er Kapellmeister des I. Bürgerregiments von Wien. 1835 überträgt man ihm die Leitung der Hofballmusik. 1837 erobert er Paris und 1838 London.
Lanner verstirbt am 14 April 1843. Johann Strauss Vater am 5. Oktober 1849. Sein Sohn Johann Strauss Sohn am 25. Oktober 1825 geboren konzertierte mit seinem eigenen Orchester in Dommayers Kasino am 15. Oktober 1844 mit sensationellem Erfolg. Die Zeit des Biedermeier ging mit den revolutionären Umwälzungen zu Ende. So auch die Zeit der Schauplätze der frühen Walzertriumpfe. Das "Apollo", der "Sperl" mußten die Beliebtheit an "modernere" Lokale abgeben.
Ein Abend gestaltete sich für den vielbeschäftigten Balldirigenten Johann Strauss häufig wie folgt:
Von Dommayers Kasino in den Sophienbadsaal, von dort zum Schwender, in das Victoriahotel, in den Dianabadsaal, dann in die "Neue Welt" und in noch manch anderes Lokal, wo das persönliche Erscheinen von Strauss am Pult die Attraktion des Abends darstellte. Strauss Sohn entwicklete den Walzer weiter. Seine Walzer haben polyphone Durchführungen, seinen melodienreichen Einfällen konnte er symphonischen Charakter geben. Er führte die Musik Wagners in Wien ein.
Mit 35 Jahren erreicht er die Opuszahl 200. Im Jahre 1863 wird er zum Leiter der Wiener Hofballmusik herangezogen und 1864 erhält er den Titel eines "k.k. Hofballmusikdirektors".
Auch er zog durch das Europa und eroberte als Walzerkönig Amerika. In Bosten gab er ein Konzert vor 20.000 Zuhörern und wurde als Walzerkönig gefeiert.
Der Walzer ging und geht um die Welt!
Denken Sie am 1. Januar eines jedes Jahres, wenn die Wiener Philharmoniker das Neujahrskonzert geben, welches stets in sehr viele Länder der Welt live übertragen wird, an die Pflicht-Zugabe, die die Wiener und Ihre Gäste, die die Welt hören möchte. "An der schönen blauen Donau" von Johann Strauss Sohn, komponiert 1867 für die Weltausstellung in Paris. Der ORF überträgt auf allen Kanälen die heimliche Hymne Österreichs kurz nach Mitternacht in jeder Sylvesternacht.
